„Verantwortung ist das Zauberwort“ – Interview mit Stefan Müller

In seinem Blog „Kick in the pants“ wirft IT-Führungskraft Stefan Müller einen spannenden Blick auf Führung und Zusammenarbeit im Unternehmen. Im Gespräch beleuchten wir die Veränderungen unserer Arbeitswelt und tauschen uns darüber aus, was Führungskräfte und MitarbeiterInnen heute brauchen, um langfristig produktiv, zufrieden und gesund zu arbeiten.

„Verantwortung ist das Zauberwort“ – Interview mit Stefan Müller

Patrik Frauzem: Hallo Stefan! In letzter Zeit wird ja viel geschrieben über „neue Arbeit“ und „neue Führung“ – was ist denn daran eigentlich so „neu“ und wie verändert sich unsere Arbeitswelt gerade?

Stefan Müller: Hallo Patrik, so „neu“ ist die „neue Arbeit“ ja eigentlich nicht. Vielmehr ist es der Trend, sich damit aktiver auseinanderzusetzen. Das hat, meiner Meinung, nach drei Gründe.

Einerseits geht es um das liebe Geld. Den Umsatz und die Rendite im (internationalen) Wettbewerb. Ein Faktor dafür ist Innovationskraft. Da stellt sich die Frage, warum sollte ein Unternehmen auf die Innovationskraft weniger Köpfe vertrauen, wenn es doch vielleicht mehrere hundert Köpfe aktivieren könnte? Innovationskraft lässt sich aber nicht ein- und ausschalten wie eine Lampe. Dafür braucht es das Commitment der Menschen. Wie lässt man es Licht werden?

„Innovationskraft lässt sich […] nicht ein- und ausschalten wie eine Lampe. Dafür braucht es das Commitment der Menschen.“

Andererseits sind es grade Unternehmen aus den MINT-Bereichen [MINT: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik; Anmerkung P. F.], die aktiv an dieser Diskussion partizipieren. Deren Mitarbeiter sehen sich einem Überangebot an Jobs gegenüber. Das führt zu verkürzten Betriebszugehörigkeiten und höherer Fluktuation. Schnelle Jobwechsel versetzen zuweilen die Arbeitgeber in Angst und Schrecken. Wenn das Humankapital das Unternehmen verlässt, kann die Auftragslage noch so gut sein. Ohne Arbeitskraft kann kein Umsatz generiert werden. Aus diesem Umstand heraus ist es ein vollkommen rationaler Reflex, die Bemühungen zu intensivieren, Mitarbeiter im Unternehmen zu halten. Doch was genau hält einen Mitarbeiter?

Zum Schluss ist es sicher auch der Luxus, den sich die Industrienationen erworben haben. Er erlaubt es uns, auf die Suche nach dem Sinn unseres Lebens zu gehen. Das gibt uns die Möglichkeit und das Privileg, unsere Welt so zu schaffen wie wir sie haben möchten.

„Warum sollte ich […] im Beruf von einem selbstbestimmten Leben plötzlich abweichen wollen? “

Ein demokratisiertes betriebliches Umfeld, welches auf die jeweiligen Bedarfsformen seiner Mitarbeiter eingeht, ist da der u. a. Wunschtraum vieler Fachkräfte. Auch deswegen, weil Viele aktiv an der Unternehmensentwicklung partizipieren möchten und sich daher dem Spannungsfeld von Top-Down-Strukturen entziehen. Außerdem löst sich die Grenze zwischen Privatleben und Beruf immer mehr auf. Warum sollte ich da im Beruf von einem selbstbestimmten Leben plötzlich abweichen wollen?

Patrik Frauzem: Du bist selbst Führungskraft in einem IT-Unternehmen und schreibst auf „Kick in the pants“ über „transformative und motivatorische Führung“ – stell’ Dich und Deinen Blog doch mal vor!

Stefan Müller: Ich bin Abteilungsleiter für Software- und Projektentwicklung bei der Next Level Integration GmbH in Köln und verantworte dort ein Produktteam, welches elementare Lösungen für die Energiewirtschaft anbietet.

Mein Blog existiert seit Weihnachten 2014. Ich las damals das Buch „Das 100$ Startup“ und war begeistert von der Idee, mit wenig Geld etwas Großes auf die Beine zu stellen. Etwas zu leisten mit der Kraft meiner Ideen und eben diese zum Sparring in die Welt zu schicken. In wenigen Tagen entstand der Blog dann und seitdem läuft die Geschichte.

Gleichzeitig erkannte ich für mich selber, dass der Wandel in der Welt von uns selber kommen muss. Das heißt, wenn ich beispielsweise das Thema der transformationalen Führung vorantreiben möchte, kann ich nicht darauf hoffen, dass es jemand anders für mich tut. Ich muss selber tätig werden.

Stefan Müller Foto
„… erkannte ich für mich selber, dass der Wandel in der Welt von uns selber kommen muss.“

Andererseits suchte ich eine Möglichkeit mit anderen Menschen über Führungsthemen in Kontakt zu kommen und gleichzeitig meine Entwicklung zu dokumentieren. Der Blog ist und war dafür die perfekte Möglichkeit und hat mir geholfen mich in meinem Fachgebiet und meinen Ansichten zu emanzipieren.

Patrik Frauzem: In einem Deiner Artikel entwirfst Du ein düsteres Bild vom Jahr 2053, in dem Angestellte nur wöchentlich befristete Arbeitsverträge erhalten, bis sie mit 70 ihre taschengeldgroße Rente beim früheren Arbeitgeber aufbessern. Ist das sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnis ein Auslaufmodell?

Stefan Müller: In dieser Artikelreihe habe ich ein Bild gezeichnet, wie es aussehen würde, wenn der Powerkapitalismus ungebremst voranschreiten würde. Anzeichen dafür sehen wir bereits jetzt: Die Zersplitterung der Arbeit, die Heraufsetzung des Rentenalters, das Auflösen der Mittelschicht, hochgradige Vernetzung, höhere Anzahl auftretender Zivilisationskrankheiten. Denkt man das konsequent weiter, wird es unweigerlich ziemlich düster. Auch wenn sich mein zukünftiges Ich die größte Mühe gibt, es mit Humor zu nehmen.

Aber so einfach ist es in der Realität ja nun nicht. Dort wo Schatten ist, ist auch Licht (Innovation). Eine Bewegung in die eine Richtung bedingt eine entsprechende Gegenbewegung. Wir haben jedoch jetzt bereits eine so große Fülle von Möglichkeiten, dass ich den Trend eher in Richtung Solo-, Intra- bzw. Entrepreneurship sehe. Allerdings weniger romantisch mit Millionen-Buyouts im Berliner Loft. Eher in die Richtung von selbstständigen Dienstleister, die für verschiedene Unternehmen ihre Dienste erbringen und dennoch auf keinen grünen Zweig kommen. Dafür aber für ihre Sozialversicherung selber aufkommen müssen.

Ich denke dieses Modell, übertragen auf Freelancer und externe Projektmitarbeiter, wird sich in Zukunft noch mehr durchsetzen. Auch bedingt durch den demografischen Wandel wird das sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnis vielleicht nicht einfach verschwinden – aber es wird sich mit der Zeit ohne Reformen selber überleben.

Patrik Frauzem: Als Führungskraft erlebst Du die Veränderungen der Arbeitswelt aus erster Hand. Welche Anforderungen stellt die „neue Arbeitswelt“ Deiner Erfahrung nach an Führungskräfte und welche an die MitarbeiterInnen?

Stefan Müller: Bei Führungskräften, speziell im mittleren Management ist man vielleicht eher mal bereit, mit diesen Dingen zu experimentieren. Die größte Anforderung ist allerdings, dass das Top-Management an der „neuen Arbeitswelt“ Interesse hat und über Kicker, Tischtennisplatten und Kaffeezubereitungen hinausschaut. Ansonsten funktioniert der Wandel nicht. Natürlich gibt es auch Grassroots-Bewegungen – ohne Frage. Doch wenn an der Spitze nicht das Bewusstsein für Veränderungen da ist, kann die Hierarchie-Pyramide nicht umgedreht werden.

„Ich wünsche mir Mitarbeiter die aufstehen und Unmut, Kritik, Ideen und Probleme offen ohne Scheu aussprechen und damit aktiv Verantwortung übernehmen.“

Aus Perspektive der Mitarbeiter bestehen die Herausforderungen darin, einerseits mit den technischen Entwicklungen schrittzuhalten und andererseits über den Tellerrand zu schauen und den Perspektivwechsel zu vollziehen. Sich also in das Gegenüber hineinzuversetzen, empathisch Problemstellungen anzugehen und gerne auch mal unbequem zu sein. Verantwortung ist das Zauberwort. Ich wünsche mir Mitarbeiter die aufstehen und Unmut, Kritik, Ideen und Probleme offen ohne Scheu aussprechen und damit aktiv Verantwortung übernehmen.

Patrik Frauzem: Ich unterstütze vor allem engagierte Menschen an der Basis oder mit erster Führungserfahrung dabei, Belastungen im Job erfolgreich zu bewältigen, um langfristig produktiv, zufrieden und gesund zu arbeiten. Deiner Meinung nach: Was brauchen MitarbeiterInnen vom Unternehmen oder von ihrer Führungskraft dafür?

Stefan Müller: Das hängt immer ganz von der Art der zu bewältigenden Aufgabe und deren Menge ab. Grundsätzlich stehen für mich die Art der Zielerreichung sowie die Arbeitsorganisation im Mittelpunkt. Wie eine Aufgabe gelöst oder das Ziel erreicht wird, sollte eher im Hintergrund stehen. Das gibt dem Mitarbeiter mehr Freiheit bei der Bewältigung des Pensums.

„Wie eine Aufgabe gelöst oder das Ziel erreicht wird, sollte eher im Hintergrund stehen. Das gibt dem Mitarbeiter mehr Freiheit bei der Bewältigung des Pensums.“

Auf der anderen Seite steht die Arbeitsorganisation. Mein Ziel ist, ein System zu schaffen mit dem ich mein Arbeitsaufkommen steuern kann und nicht umgekehrt. Ich bin da ein großer Anhänger von „Getting Things Done“ von David Allen. Bei einem immer komplexer werdenden Tagesgeschäft ist die eigene Arbeitsorganisation das A und O. Unternehmen und Führungskräfte sollten hier aktiv Coaching anbieten.

Patrik Frauzem: Was tust Du im Arbeitsalltag und darüber hinaus, um auch bei Belastungsspitzen leistungsfähig und motiviert zu bleiben?

Stefan Müller: Der Ausgleich ist ganz wichtig. Ob das nun Sport ist, ein Wochenendurlaub mit meiner Frau oder das Schlagzeug spielen jeden Samstagmorgen ist wahrscheinlich egal. Es geht immer darum, die Arbeit, die einen manchmal so vereinnahmt, in Relation zu setzen. Das ist leichter gesagt als getan. Progressive Muskelentspannung ist eine gute Möglichkeit. Ein kompletter Tapetenwechsel genauso.

Ohne die tiefgehenden Gespräche mit meiner Frau, die mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen zurückholen, wäre ich allerdings heute nicht da, wo ich bin.

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Patrik Frauzem: Ich könnte mir vorstellen, dass Dein Blog auch ein gutes Stressmanagement-Tool ist, um Erlebnisse Deines Führungsalltags zu reflektieren und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. ;) Wie geht es denn 2017 mit „Kick in the pants“ weiter?

Stefan Müller: Das stimmt allerdings! Hier laufen alle meine Erfahrungen zusammen. Egal ob es Erlebnisse bei der Arbeit sind, etwas, was ich in den zahlreichen Büchern und Artikeln lese, oder eine Eingebung unter der Dusche.

Ich plane im Mai 2017 eine eigene Eventserie aufzusetzen (Arbeitstitel „Kickit’s“). Das ist für mich Neuland, aber genau darum geht es. Statt nur über bestimmte Themen zu schreiben, möchte ich noch mehr mit Menschen in Kontakt kommen. Über meine Themen mit ihnen diskutieren und zusammen etwas Neues schaffen.

Außerdem werde ich den Blog noch weiter professionalisieren. Im vergangenen Jahr habe ich ihm ein eigenes Logo spendiert und nutze andere Quellen für die Bilder. Thematisch merke ich, steige ich immer tiefer hinab zu den Grundsätzen von transformationaler Führung und New Work.

„Neue Arbeitswelten erschließen sich uns, wenn wir beginnen (humanistische) Werte zu leben.“

Die „neue Arbeitswelt“ hat viele Gesichter und das ist nicht nur bezogen auf agiles Arbeiten oder demokratisierte Unternehmensstrukturen. Neu zu arbeiten heißt nicht nur Innovationen zu generieren oder die Kollegen beim Kicker zu putzen.

Nein, neue Arbeitswelten erschließen sich uns, wenn wir beginnen (humanistische) Werte zu leben. Transformationale Führung ist dazu die Tür, die ich mit KITP.de hoffentlich ein Stück weiter öffne.

Patrik Frauzem: Stefan, herzlichen Dank für Deine Zeit!

Wenn Du mehr über transformative und motivatorische Führung erfahren willst, besuche jetzt Stefans Blog „Kick in the pants“.

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